Zurück nach Syrien?
Syrische Bürger unserer Stadt Gera antworten auf diese Frage
von Elke Lier
Gera. Seit dem Syrien-Besuch von Außenminister Johann Wadephul im stark zerstörten Harasta, einem Vorort von Damaskus und seiner Äußerung „Hier können wirklich kaum Menschen leben“ kochen anderslautende Meinungen zur Rückkehr der Syrer in ihre Heimat hoch. Doch wer hat die Syrer gefragt?
In Gera leben zurzeit 3452 Syrer, 529 von ihnen besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Einige von ihnen geben Antwort auf die Frage „Zurück nach Syrien“?
Fatimah Kriem (Schriftstellerin und Lehrerin) und Majed Ebraheem (Arabischlehrer)
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Eine Rückkehr nach Syrien kommt für uns derzeit weder in Betracht, noch ist sie möglich. Wir arbeiten als pädagogische Assistenz und Lehrer an der Bieblacher Regelschule in Gera.. Unsere Kinder besuchen seit sechs Jahren deutsche Schulen und lernen in den Klassen 11, 9 und 7. Unsere jüngste Tochter (6) wurde in Gera geboren. Eine Rückkehr der Kinder würde ihre schulische und soziale Entwicklung gefährden. Wir haben unser Zuhause in Syrien verloren. Dort besitzen wir weder ein Haus noch Arbeit zur Ernährung einer sechsköpfigen Familie. Ich, Majed, stamme aus Aleppo, einer Region, in der nach wie vor gefährliche Spannungen zwischen der neuen Regierung und den kurdischen SDF-Kräften bestehen. Seit wir in Gera sind, engagieren wir uns in schulischen Projekten, in der Kultur und haben gute Kontakte zu unseren deutschen Nachbarn. Kurz: Wir möchten unser Leben weiter aufbauen, wo wir Wurzeln geschlagen haben – hier in Deutschland. |
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Marei Almahammad
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Mein Bruder und ich betrachten Deutschland mittlerweile als unsere Heimat. Zurzeit werden wir nicht nach Syrien zurückzukehren. Wir leben hier seit fast zehn Jahren. Ich arbeite in der Personalabteilung von Amazon und bin deutscher Staatsbürger. Deutschland hat uns Sicherheit, Stabilität und Chancen gegeben. Beim Wiederaufbau meines Heimatlandes würde ich gerne helfen, aber das ist nicht so einfach. Bis heute haben wir unser Haus dort nicht zurückbekommen. Das Wort „Wiederaufbau“ klingt aus der Sicht der deutschen Regierung leicht, aber die Realität sieht anders aus. Freunde von mir sind dort arbeitslos. Es gibt keine Gehälter, keine soziale Absicherung und keine Krankenversicherung. Ja, wer Geld hat, kann vielleicht zurückkehren und neu anfangen, aber nicht alle Syrer haben diese Möglichkeit – bei vielen sind ihre Häuser nur noch Ruinen. Die Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht im deutschen Grundgesetz. Das sollte auch für uns gelten. Wer Verbrechen begangen hat, sollte abgeschoben werden, aber arbeitende, gesetzestreue Syrer dürfen nicht zur Rückkehr gezwungen werden. Die deutsche Regierung sollte eine Rückkehr syrischer Geflüchteter sorgfältig entsprechend tatsächlicher Lebensverhältnisse planen. |
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H. D. , Kunsterzieherin
| Ich bin Kunstlehrerin, lebe seit zehn Jahren in Deutschland, spreche Deutsch und bin an einer Geraer Schule tätig. Ich habe meine Verwandten in Syrien wegen einer Rückkehr gefragt, doch keiner ermutigte mich jetzt dazu. Syrien braucht sein Volk, doch viele haben Angst wegen der Unsicherheit. Es gibt nur stundenweise Strom und Wasser, keine Arbeit. Wer freiwillig zurückkehren möchte und Chancen sieht, soll es tun. Ja, ich vermisse meine Familie, aber wenn ich sie nach mühsamer Internetverbindung anrufe, habe ich nicht das Gefühl, dass sie glücklich sind. Die Menschen benötigen Geld, Energie und Baumaterial. Es herrscht Wohnungsnot. Die Immobilienpreise stehen in keinem Verhältnis zu den Gehältern. Absolventen der Unis haben keinerlei Chance, eine Arbeit zu finden. Das ist die Realität. |
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Khetam Sharout
| Ich bin hier in Deutschland Schulassistentin an der Dix-Schule, meine drei Kinder arbeiten und studieren. Obwohl der bewaffnete Konflikt in Syrien teilweise beendet ist, bleibt das Land instabil. Die Infrastruktur ist zerstört, die wirtschaftliche Lage katastrophal und politisch herrschen autoritäre Strukturen. Solange keine unabhängige Justiz, kein funktionierender Wiederaufbauplan und keine Sicherheitsgarantien existieren, wäre eine Rückkehr der Geflüchteten ein Schritt in Unsicherheit und Gefahr.
Langfristig sollte der Wiederaufbau Syriens durch internationale Kooperation bei Infrastruktur, Bildung und Wirtschaft unterstützt werden. Deutschland sollte auf eine politische Lösung drängen, die Sicherheit, Versöhnung und den Wiederaufbau ermöglicht, anstatt vorschnell Rückkehrdebatten zu führen. |
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Nour Al Zoubi
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Ich gehöre dem Flüchtlingsrat Thüringen an, arbeite in Erfurt. Über sieben Millionen Syrerinnen und Syrer leben weltweit im Exil. Hinzu kommen Millionen Binnenvertriebene, die im Land auf der Flucht sind. Kaputte Städte, immer noch Blindgänger und eine zu 90 Prozent in Armut lebende Bevölkerung - das ist Syrien heute. Viele syrische Familien haben in Gera eine Heimat gefunden. Die Kinder besuchen deutsche Schulen und können oft weder Arabisch lesen noch schreiben – für sie wäre Syrien ein fremdes Land. Für junge Leute im Studium oder in der Ausbildung bedeutet eine jetzige Rückkehr den Abbruch ihrer Lebens- und Bildungswege. Trotzdem kehren Menschen zurück – sowohl aus Nachbarländern als auch aus Europa. Einige von ihnen engagieren sich aktiv beim Wiederaufbau wie der syrische Gesundheitsminister, der in Deutschland als Facharzt arbeitete. Viele engagierte Syrerinnen und Syrer – in Deutschland und weltweit – haben Initiativen und Organisationen zum Wiederaufbau und der Entwicklung demokratischer Strukturen gegründet, nutzen dafür ihr Wissen aus Deutschland. Syrien braucht sowohl die Menschen im Land als auch jene, die vom Ausland aus ihre Heimat unterstützen. |
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